Blogbeitrag

Das letzte Quäntchen

Wie Mentaltraining meine Leistung verändert hat – und warum ich heute anders darüber denke.

Zwischen Vollgas und Zusammenbruch

Es gibt diesen einen Moment, den wahrscheinlich jede:r kennt, der oder die mal im Wettkampf stand. Diesen Moment, in dem du weißt: Ich kann das. Ich bin fit. Ich hab trainiert. Und trotzdem fährt dir die Angst in die Beine. Oder in den Kopf. Oder beides.

Bei mir war es beides.

Ich war Mountainbikerin. Nicht hobbymäßig am Wochenende, sondern richtig – Wettkämpfe, Trainingspläne, Leistungsdiagnostik, das volle Programm. Und ich war nicht schlecht. Aber ich war auch nie die, die sich entspannt an die Startlinie gestellt hat.

Was von außen nach Disziplin und Ehrgeiz aussah, war innen oft ein einziger Kampf. Nicht gegen die Strecke. Nicht gegen die anderen. Sondern gegen mich selbst. Gegen den Druck, den ich mir gemacht habe. Gegen die Angst, nicht gut genug zu sein. Gegen das Gefühl, dass eine schlechte Platzierung bedeutet: Du bist es nicht wert.

Ich erinnere mich an Rennen, bei denen ich körperlich in Bestform war – und trotzdem eingebrochen bin. Nicht weil meine Beine nicht konnten, sondern weil mein Kopf dicht gemacht hat. Weil die Anspannung so hoch war, dass mein Körper in den Überlebensmodus gegangen ist. Verkrampft. Tunnel. Blackout.

Irgendwann habe ich aufgehört. Nicht weil ich den Sport nicht mehr geliebt habe, sondern weil der Preis zu hoch war. Die ständige innere Anspannung, das Gefühl, nie gut genug zu sein – das hat mich ausgebrannt.

Was ich damals nicht wusste:

Das war kein Charakterfehler. Das war kein Zeichen von Schwäche. Das war mein Nervensystem, das auf Hochtouren lief – ohne dass ich die Werkzeuge hatte, damit umzugehen.

Heute, Jahre später, verstehe ich, was damals passiert ist. Und ich wünschte, jemand hätte mir das früher gesagt:

Leistung ist nicht nur Training. Leistung ist auch Regulation.

Wenn dein Nervensystem dauerhaft im Alarmmodus ist – egal ob durch Wettkampfdruck, Perfektionismus oder einfach durch ein Leben, das ständig auf Vollgas läuft – dann kann dein Körper nicht abrufen, was er eigentlich kann. Nicht weil du zu wenig trainierst. Sondern weil dein System nicht in dem Zustand ist, in dem Leistung überhaupt möglich wird.

Was Mentaltraining wirklich ist – und was nicht

Wenn ich heute von Mentaltraining spreche, meine ich damit nicht „Denk einfach positiv” oder „Stell dir vor, du gewinnst”. Das ist das Bild, das viele im Kopf haben. Und es ist nicht falsch – Visualisierung kann ein mächtiges Werkzeug sein. Aber es ist eben nur ein Werkzeug von vielen. Und oft nicht das erste, das wir brauchen.

Mentaltraining, wie ich es verstehe und in meiner Arbeit einsetze, beginnt tiefer. Es beginnt beim Nervensystem.

Die Frage ist nicht: Was denkst du? Die Frage ist: In welchem Zustand bist du, wenn du denkst?

Ein Gedanke wie „Ich schaffe das” wirkt anders, wenn dein Nervensystem gerade im Sicherheitsmodus ist, als wenn es im Alarmmodus feuert. Im ersten Fall kann der Gedanke Kraft geben. Im zweiten prallt er ab – oder macht es sogar schlimmer, weil du spürst, dass du dir selbst nicht glaubst.

Deshalb arbeite ich immer zuerst mit dem Körper. Mit dem Nervensystem. Mit der Frage: *Was braucht dein System gerade, um überhaupt empfänglich zu sein für das, was du erreichen willst?*

Drei Dinge, die meine Leistung wirklich verändert haben:

1. Verstehen, was mein Nervensystem macht

Der Gamechanger war für mich nicht eine bestimmte Technik. Es war das Verstehen. Zu begreifen, dass mein Körper nicht gegen mich arbeitet, sondern versucht, mich zu schützen. Dass Anspannung, Unruhe und Leistungseinbrüche keine Schwäche sind, sondern Signale.

Dieses Wissen hat alles verändert. Plötzlich war ich nicht mehr „die, die unter Druck einknickt”. Sondern jemand, deren Nervensystem auf eine bestimmte Art reagiert – und die lernen kann, damit anders umzugehen.

2. Regulation vor Motivation

Ich war jahrelang der Typ: Mehr Training, mehr Disziplin, mehr Kontrolle. Wenn etwas nicht lief, hab ich härter gearbeitet. Was ich nicht verstanden habe: Manchmal ist das Gegenteil von „mehr” nicht „weniger” – sondern „anders”.

Heute weiß ich: Bevor ich an meiner Leistung arbeite, muss ich an meinem Zustand arbeiten. Bin ich reguliert? Fühle ich mich sicher genug, um mich zu fordern? Ist mein System bereit für Herausforderung – oder steckt es gerade im Überlebenskampf?

Das klingt vielleicht esoterisch. Ist es aber nicht. Es ist Neurobiologie. Unser autonomes Nervensystem entscheidet mit, wie leistungsfähig wir sind, wie klar wir denken, wie mutig wir handeln. Und wir können lernen, diesen Zustand zu beeinflussen.

3. Selbstmitgefühl statt Selbstkritik

Das war der härteste Punkt für mich. Weil ich jahrelang geglaubt habe, dass Strenge mich weiterbringt. Dass ich mich zusammenreißen muss. Dass Selbstmitgefühl gleich Selbstmitleid ist.

Ist es nicht.

Selbstmitgefühl bedeutet: Ich sehe, dass es gerade schwer ist. Und ich gebe mir trotzdem – oder gerade deswegen – die Erlaubnis, freundlich mit mir zu sein. Nicht weil ich aufgebe. Sondern weil mein Nervensystem Sicherheit braucht, um zu wachsen. Und Sicherheit entsteht nicht durch Härte.

In der Forschung zeigt sich immer wieder: Selbstmitgefühl verbessert nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch die Leistung. Weil es den inneren Druck reduziert, der uns blockiert. Weil es den Raum schafft, in dem wir lernen und wachsen können.

Was das für dich bedeuten kann:

Du musst kein:e Leistungssportler:in sein, um das zu kennen. Dieses Muster – funktionieren, Druck machen, durchhalten, bis nichts mehr geht – das gibt es überall. Im Job. In der Familie. Im Alltag.

Und die Lösung ist nicht: noch mehr durchhalten.

Die Lösung beginnt damit, zu verstehen, wie dein Nervensystem funktioniert. Zu lernen, wann du regulieren statt pushen solltest. Und dir die Werkzeuge anzueignen, die dich nicht nur leistungsfähiger machen – sondern auch gesünder, klarer und freier.

Das ist es, was ich unter Mentaltraining verstehe. Nicht Mindset-Sprüche auf Instagram. Sondern echte, körperbasierte Arbeit mit dem, was dich antreibt – und dem, was dich bremst.

Wenn du das Gefühl hast, dass du trotz aller Anstrengung immer wieder an dieselben inneren Grenzen stößt – dann lass uns reden. In meiner Beratung arbeiten wir genau an dieser Schnittstelle: Nervensystem, Mindset und Leistung.

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